Beim Bomben-Hugo und seiner Frau

Wie ich lernte Leute zu mögen, die ich eigentlich gar nicht mögen kann.

Hugo Graf, der Bomben-Hugo, im Jahr 1955
Hugo Graf im Jahr 1955. (Foto: Hans Heer/Fränkisches Volksblatt)

1993 heuerte ich als freier Journalist beim Fränkischen Volksblatt an. 1995 schickte die Redaktion mich zu einem Mann, den die Würzburgerinnen und Würzburger nur den „Bomben-Hugo“ nannten. Ein Porträt wollten die Kolleg:innen von ihm haben zum 50. Jahrestag der Zerstörung Würzburgs am 16. März 1945.

Ich empfand die Rituale zum 16. März als geschichtsvergessen und selbstgerecht, ich begegnete ihnen mit Misstrauen und Ekel. Der 16. März war – und ist – für mich die Quittung für Holocaust, Faschismus und Krieg. Wer über den Holocaust nicht redet, soll vom 16. März schweigen. Da hat aber niemand über den Holocaust gesprochen.

So saß ich an einem Abend im frühen März 1995 im Haus vom Bomben-Hugo und seiner Frau Irmgard und erwartete nichts Gutes.

Das waren die Grafs: gastfreundliche Leute, die ich auf Anhieb nicht leiden mochte, nicht nur wegen des Zusammenhangs mit dem 16. März. Sie erzählten und schwärmten von ihrer Freundschaft mit Freiherr von der Heydte, einem Würzburger Klerikalfaschisten, der eine finstere Rolle in der nazi-deutschen und bundesrepublikanischen Geschichte spielte.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit meiner Abscheu vor solchen Leuten wenigstens halbwegs sauberes journalistisches Handwerk abliefern könnte. Ich wollte nur weg, riss mich zusammen und blieb.

Die Grafs und ich hielten danach noch lange herzlichen Kontakt. Zu Weihnachten schickten sie mir Plätzchen, bis Mitte der 2000erjahre.

Das ist ihre Geschichte, wie ich sie 1995 aufgeschrieben habe:


Der Bomben-Hugo

Kriege dauern länger als in den Geschichtsbüchern steht. Noch heute kommt es vor, dass ein eiserner Gegenstand im Boden für eine Bombe gehalten wird. Solche Funde sind in Würzburg lange Zeit alltäglich. Von 1948 bis 1966 ist der Polizist Hugo Graf für diese mörderischen Hinterlassenschaften zuständig.

Da erzählen zwei die gleiche Geschichte und sie hört sich doch ganz unterschiedlich an. Wenn Hugo Graf von seiner damaligen Arbeit erzählt, dann scheint es sich vor allem um Anekdoten zu handeln, um hübsche, interessante Geschichtchen mit ein bisschen Nervenkitzel. Wenn seine Frau Irmgard erzählt, bekommt der Zuhörer schon eher eine Ahnung von dem, was er 18 Jahre lang machte:

Wird irgendwo in der Stadt etwas Verdächtiges gefunden, kommen die Leute zu ihm. Er klärt, ob es sich um Sprengstoff handelt, verständigt das Sprengkommando, wenn der Fund in einer kritischen Verfassung ist oder sammelt das Zeug ganz einfach ein und nimmt es mit.

Derweil wartet seine Frau zu Hause im Mittleren Neubergweg. Sie sitzt da mit den beiden Töchtern und betet, dass ihm nichts passiert. Wenn es just zu dieser Zeit unten in der Stadt knallt – sie sagt, „das kann man gar nicht beschreiben, wie es mir da gegangen ist“. Es knallt öfter, in den Weinbergen und anderswo.

Bombe auf dem Bau!

Graf weiß nicht mehr, wie oft er ausgerückt ist; es ist sehr oft. Das hat auch mit den einsetzenden Bautätigkeiten zu tun. Nach der Währungsreform ist es aufwärts gegangen, das Baugewerbe boomte. Nach der totalen Zerstörung der Stadt gibt es viel zu tun, viel mehr, als die Firmen und Handwerker bewältigen können. Es gibt nicht genug Arbeiter und nicht genug Maschinen. Jeder Bauherr ist glücklich, wenn er nach langem Warten einmal Fachleute auf dem Bau hat.

Die Freude ist vorbei, wenn eine Bombe in den Trümmern entdeckt wird. Die Arbeiten werden eingestellt, die Handwerker wechseln zu einer anderen Baustelle. Die Bauherren verzweifeln: Es kann lange dauern, bis die Handwerker wieder kommen.

Graf wird in solchen Fällen dringend gebraucht. Das nimmt bisweilen bizarre Formen an. Einmal dringt ein aufgelöster Bauherr bis zum Bett im Krankenhaus vor, in dem Graf wegen Nierensteinen liegt. Er redet auf Graf ein, eine Bombe sei gefunden worden, die Handwerker könnten nicht weiter machen. Frau Graf will ihn verscheuchen, den Bauherrn schreckt das nicht. Er fleht den Chefarzt an: „Können sie mir den Graf mitgeben?“ Der Chefarzt stellt es Graf anheim. Der geht mit.

Irmgard Graf erzählt, dass sich so etwas und Ähnliches oft ereignet hat. „Kaum hat der Vater am Sonntag einmal ein weißes Hemd angehabt und wir sind ein paar Schritte gewandert, schon ist ein Streifenwagen gekommen und hat ihn wieder zu einem Fund geholt.“

Der Respekt vor dem Kriegsgerät ist groß in dieser Zeit, nicht nur bei den Bauherren. Graf findet in seinem Tagebuch, das er über seine Einsätze führt, auch unnötige Aufregung. Zum Beispiel am 16. April 1956: „Auf Ersuchen des Amtsgerichtes Würzburg wurde dort eine Pistole von mir entladen, da keiner der am Gericht beschäftigten Herren mit dem Entladen der Pistole vertraut war.“

Nur ein bisschen Mut

Im Krieg besorgt er das Entschärfen der Sprengkörper noch selbst. Nach dem Krieg sammelt er in Würzburg die Bomben, Granaten, Patronen und was es alles gibt, bis genug zusammen gekommen ist. Dann kommt das Sprengkommando aus Nürnberg und nimmt das gefährliche Zeug mit. Im Nachkriegs-Würzburg gibt es nicht viele sichere Plätze, an den Graf seine Fundsachen zwischenlagern kann. Also nutzt er die Feldschutzhäuschen, die es damals noch gibt. Klammheimlich und unbemerkt bringt er das Material in die unbewachten Häuschen. Er zieht immer wieder damit um, um zu verhindern, dass etwas gestohlen wird. Einiges bringt er mit nach Hause, sehr zum Leidwesen seiner Frau.

„Ein bisschen Mut“ hat er gebraucht, erzählt er, „ein bisschen Glück und ein bisschen Verantwortungsgefühl“. Viel hat er nicht darüber nachgedacht, sagt er. „Mit Angst hätte ich diese Arbeit gar nicht machen können.“ – Irmgard Graf hat nachgedacht und das Vergangene ist ihr noch sehr präsent: „Mein Mann ist in dieser Beziehung ein bisschen ein Tiefstapler.“ Er grantelt ein wenig: „Was soll ich da auch hochstapeln?“

Schluss jetzt!

Irmgard Grafs Nerven halten das nicht mehr aus, diese Angst, wenn er weg ist, aber auch die Glückseligkeit, wenn er nach einem Einsatz wieder heil nach Hause kommt. Manchmal denkt sie, sie wird wahnsinnig. Dann sagt sie: „Schluss jetzt! Das muss einmal aufhören!“

Es fügt sich gut. Nach 19 Jahren wird der Schutzpolizist Hugo Graf für den gehobenen Dienst vorgeschlagen. Er steigt auf zum Polizeihauptkommissar und leitet die Polizeiinspektion West bis zu seiner Pensionierung 1980.

Hugo Graf kann (oder will) sich an vieles, was er in seinem aufregenden Beruf gemacht hat, nicht mehr erinnern. Dafür weiß er bis ins Detail Ort, Tag, Stunde und Umstände, unter denen er seine Frau kennen lernte. Wenn er von seiner Zeit als Bombensammler spricht, ist er zurückhaltend und unaufgeregt. Wenn er von seiner Hochzeit, vom Brautkleid aus Fallschirmseide, von den Blumen im prächtigen Garten oder den vielen besuchten Kirchen erzählt, spiegelt sich das Erlebte in seinem Gesicht wieder. Der Pensionär sprüht vor Freude und seine Frau nicht minder. Die Beiden sind lange Zeit und tief im Schatten gestanden. Umso mehr, so scheint es, genießen sie heute das Licht.


Nachtrag:

Ich weiß nicht, warum ich damals das Gespräch am Grafschen Wohnzimmertisch nicht näher beschrieben habe. Vielleicht habe ich es ja getan und die Redaktion hat es gestrichen.

Während Hugo Graf seine Anekdoten erzählte und die Gefahr herunterspielte, beobachtete ich seine Frau Irmgard, die immer unruhiger auf ihrem Stuhl hin- und herrutschte, immer zorniger schaute, sich sichtlich etwas verkniff und dann doch explodierte.

Ihre Wortwahl weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass sie ihm heftige Vorwürfe machte, weil er alles schönrede, denn furchtbar sei das alles in Wirklichkeit gewesen. Er wiegelte ab, sie wurde immer zorniger. Ich meinte einen Streit zu erleben, wie er sich in den Fünfzigerjahren zwischen den beiden zugetragen hat.

Wie glückselig die zwei sich aber anstrahlten, als sie später von ihrem Kennenlernen, Verlieben und Hochzeitmachen erzählten!

Ich habe Irmgard Graf und ihren Bomben-Hugo dann doch sehr gemocht. Leider habe ich kein Foto von ihr.

Irmgrad Graf ist im Jahr 2007 gestorben, Hugo Graf im Jahr darauf.


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Meine Depression und ich

Quelle: pixabay.com

Im November 2009 habe ich die Geschichte meiner Depression aufgeschrieben. Auslöser war der Suizid des Fußballers Robert Enke. Er hatte eine Depression und ist wohl auch daran zugrunde gegangen, dass er sich nicht offenbarte.

Ich halte den offenem Umgang mit der Krankheit für wichtig, auch als Prävention gegen den Suizid.

Mir geht es heute deutlich besser als zu der Zeit, in der ich die Geschichte aufgeschrieben habe. Weil aber sehr, sehr viele Leserinnen und Leser sich in dieser Geschichte wiedergefunden haben, veröffentliche ich sie hier, wie sie im November 2009 in der Main-Post erschienen ist.


Das Schwarze Tier kommt leise und unauffällig. Es holt mich. Es führt mich in eine Dämmerung hinein. Meine Kraft schwindet, meine Sinne werden taub. Es führt mich weiter in eine nachtschwarze Wüste, da bin ich gefangen. Ich höre nichts, sehe nichts, rieche nichts, schmecke nichts. Ich fühle nichts, ich bewege mich nicht. Ich weiß nicht, ob Tag oder Nacht ist, oder was jenseits der Wüste geschieht. Es ist mir gleichgültig. Mir ist alles gleichgültig. Die Zeit vergeht, ich habe keinen Begriff von ihr.

Die Wüste ist mein Leib. Das Tier kommt aus meiner Psyche. Ich habe eine Depression.

Ich litt lange unter depressiven Verstimmungen, ohne zu wissen, dass ich krank bin. Ich war antriebslos, mutlos, mir fehlte der Schwung. Was ich zuwege brachte, hielt ich für Mist. Ich meinte, ich müsse besser recherchieren, schreiben, zupacken können. Was ich konnte, galt mir nichts, was ich nicht konnte, hielt ich für entscheidend. Ich hatte Angst, den nächsten Termin nicht mehr zu bewältigen. Und hielt das alles für inakzeptable Schwächen, für Disziplinlosigkeit, schimpfte mich einen faulen Sack. Ich, ein Baum von einem Kerl, müsse doch alles mit Links erledigen können. Konnte ich nicht.

Ich erboste mich lange über Filmszenen wie diese: Ein Mann steht hinter Gittern, der Schlüssel zur Zelle hängt an der Wand, sein Wächter schläft. Der Gefangene greift nach dem Schlüssel, aber es reicht nicht; sein Arm ist ein, zwei Zentimeter zu kurz. Ich hielt solche Szenen für unrealistisch. Wenn man so nah rankommt, glaubte ich, dann schafft man das letzte Stückchen auch noch.

Ich lernte, dass ich es nicht schaffe.

Meine Arbeit war mir das Wichtigste, meine Beziehungen mussten zurückstehen. Die Bestätigung, dass ich gute Arbeit mache, half nur kurz oder gar nicht. Ich kam mit Lob nicht klar. Ich bildete mir ein, Lob schade mir, es verleite mich, nachzulassen. Kam keine Anerkennung, fühlte ich mich bestätigt: Meine Arbeit, das Wichtigste in meinem Leben, taugt nichts.

Es waren dunkle, lähmende Phasen, aus denen ich irgendwie wieder herausfand. Lebensgefährtinnen und Freunde halfen, auch Musik, Literatur und Theater, meine Leidenschaft für die X-Rays, die Basketballer.

1998 heuerte ich im Rathaus an, als Geschäftsstellenleiter des Ausländerbeirats. Drei unbefriedigende, bedeutungslose Jahre folgten; ich hielt die Langeweile nicht aus und kündigte. Aber ich war in eine Verstimmung geraten, aus der ich alleine nicht mehr herausfand. Trotz aller Not hielt ich diesen Seelenzustand für normal. Dann riet mir eine Freundin zu Johanniskraut. Sie hatte das Schwarze Tier erkannt: die Depression.

Ich nahm Dragees vom Johanniskraut, nach ein paar Wochen war ich wieder fit.

Ich weiß nicht mehr, wann es richtig schlimm wurde. 2006 erlebte ich die gloriose Fußball-Weltmeisterschaft nur gedämpft. Immerhin: Ein wenig ließ ich mich von der Euphorie in der Stadt anstecken, und dann verliebte ich mich auch noch. Das Wohlgefühl hielt nicht lange an. Ich wollte meinen Job so gut wie möglich machen, steckte alle Kraft in die Arbeit, für Zwischenmenschliches blieb nichts mehr übrig. Ich stand immer öfter in der nachtschwarzen Wüste, unfähig, mir über mich selbst im Klaren zu werden, und unfähig, meinem Umfeld etwas zu erklären. Ich ahnte die Depression, aber mir fehlte der Antrieb, Hilfe zu suchen. Ein Gedanke ging mir ständig durch den Kopf: Ich bin so müde. Ich kann nicht mehr.

Ich schlug mich in diesen Jahren mit den Problemen herum, die einen freien Journalisten eben plagen: zu wenige und zu schlecht bezahlte Aufträge, nie ein Moment wirtschaftlicher Sicherheit. Ein Blatt, für das ich regelmäßig schrieb, senkte das Zeilenhonorar. Bei einem anderen war das Zeilenhonorar seit 1997 eingefroren. Ich konnte Geschichten an die Frankfurter Rundschau, die Neue Zürcher und sonst wohin verkaufen, ein kleines Stück an die Spiegel, aber der Druck wuchs. Ich konnte mir keine Ausfälle leisten, aber je mehr mir meine Schwäche bewusst wurde, desto größer wurde der Druck.

Ich fühlte mich wie zerschlagen. Ich brachte angefangene Artikel nicht mehr zu Ende – keine Kraft, keine Ideen, keine Fantasie. Ich hatte das Gefühl, ich wiederhole mich nur noch, nichts werde besser. Ich ging immer öfter nicht ans Telefon, las meine Post nur unregelmäßig, manchmal gar nicht. Wenn ich nicht arbeitete, blieb ich zu Hause. Draußen riss ich mich zusammen, daheim hatte ich kaum noch Energie, mich meiner Lebensgefährtin zuzuwenden. Die Beziehung wurde schwierig. Meine Gefährtin klagte: „Ich vermisse Dich.“ Ich antwortete: „Ich vermisse mich auch.“

Irgendwann im Winter 2006 begann ich, mich nachts ans Mainufer zu setzen. Der Fluss war mir vertraut, ich nahm ihn mir zum Bruder. Seine Ruhe und seine Kraft, seine Stetigkeit beruhigten mich. Ich stellte mir vor, ich steige in ihn hinein und er trägt mich fort von allem. Ich malte mir aus, wie ich in ihm treibe und meine Lungen ihm öffne: Komm Bruder, vereinigen wir uns, bring mich heim.

Das war ein Wunsch, ein Bild aus dem Unbewussten. Leonhard Frank hatte in seiner „Deutschen Novelle“ über den Suizid eines lebensmüden Mannes geschrieben. Jetzt, beim Wiederlesen nach vielen Jahren, finde ich diese Stelle: „In Städtchen, die an einem Flusse liegen, wählen die Lebensmüden in der Regel nicht den Strick oder Gift. Der Onkel war am Fluss aufgewachsen, der Fluss hatte sein Gemüt mitgebildet von Kindheit an, er war ein Teil seines Daseins gewesen, der bessere Teil. Der Onkel ging in den Fluss, er ging heim.“

Ich hatte Hilfe dringend nötig, aber ich suchte sie nicht. Das ist das Verdammte an der Depression: Wenn sie dich im Griff hat, schaltet sie dir den Strom ab. Du bist zu erschöpft, um etwas zu unternehmen. So dachte ich auch nicht: Ich bringe mich um. Ich dachte passiv: Ich vergehe, ich löse mich auf.

Ich trennte mich von meiner Gefährtin. Ich ging Freunden und Bekannten aus dem Weg. Ich lag zu Hause auf dem Sofa, alle Rollos geschlossen. Ich passte das Äußere meinem Inneren an: Dunkelheit. Ich ließ den Fernseher flimmern ohne zu wissen, was läuft. Mein Job war eine einzige große Qual. Ich hatte Angst vor jedem neuen Auftrag, weil ich glaubte, ich könne ihn nicht bewältigen. Telefon und Post versetzten mich in Panikzustände. Ich gab Aufträge zurück. Ich konnte meinen Auftraggebern nicht sagen, was los ist. Ich schützte Erkältungen, Migräne, sonst was vor. Alles wurde immer schlimmer, ich war erstarrt. Es war, als würde mich ein Monstrum langsam ersticken, und ich hatte keine Waffe, um mich zu wehren. Ich war nicht mehr Herr meiner Selbst.

Mein bisschen Kraft und Lebensmut reichten, dass ich mich bis in den Mai 2007 nicht umbrachte. Da war ich für die Main-Post beim Africa Festival unterwegs, permanent überfordert, in der Hoffnung, dass niemand etwas von mir will. Dann läutete das Handy, ich nahm das Gespräch an, ein Kollege war dran: In der rechten Spalte der Festival-Seite sei noch Platz, ob ich ihm ein paar Zeilen mit Stimmen von Besuchern schicken könne.

Ich wurde panisch, glaubte: Das schaffe ich nie!, riss mich zusammen, sagte dem Kollegen die Zeilen zu. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich etwas unternehmen muss. Wenn ich diese journalistische Fingerübung nicht hinbekomme, bekomme ich gar nichts mehr hin. Ich lieferte – es war zu wenig, wenn ich mich richtig erinnere – und machte mich tags darauf auf die Suche nach einer Therapie.

Der Anfang war entmutigend. Wartezeiten von einem Vierteljahr und länger. Ich landete bei einem Psychotherapeuten, von dem ich nach den ersten Gesprächen glaubte, er habe noch größere Probleme als ich. Er merkte, dass wir nicht zusammenpassen; wir ließen es sein.   

Schließlich fand ich im Sommer 2007 eine gute Therapeutin. Sie diagnostizierte eine schwere Depression. Seitdem liege ich zweimal wöchentlich in ihrer Praxis auf der Couch, zur Psychoanalyse. Zusätzlich schlucke ich täglich Citalopram, ein Psychopharmakum.

Ich kam zu Kräften. Die Frau, von der ich mich im Frühjahr getrennt hatte, wollte es noch einmal mit mir riskieren – ein Glück. Ich reiste im Spätsommer an die portugiesische Westküste, zu einem langen, leisen Urlaub. Ich stand auf hohen Klippen, die Zehenspitzen überm Rand, genoss Sonne, Wind und Weite, schaute auf die Brandung hinunter, fand, das sei ein wunderbarer Ort zu sterben, und wollte leben.

In der Würzburg-Redaktion der Main-Post, mit der ich am engsten zusammenarbeitete, waren meine Ausfälle nicht unbemerkt geblieben. Im Herbst 2007, nach der Rückkehr aus dem Urlaub, ging ich in die Offensive: Ich wollte bessere Konditionen haben. Und offenbarte meine Krankheit, erst bei den Ressortleitern Michael Czygan und Rainer Stumpf, dann beim Chefredakteur Michael Reinhard. Ich erinnere mich gut an das Gespräch mit Reinhard. Ich wolle mehr Aufträge und besser verdienen, sagte ich, „obwohl ich weiß, dass ich in diesem Jahr nicht viel gerissen habe“. Warum nicht, wollte er wissen. Weil ich eine Depression habe, antwortete ich. Na, dann habe auch nicht mehr rauskommen können, sagte er.

Danach erklärte ich mich auch anderen Kolleginnen und Kollegen, wohl wissend, dass die Nachricht die Runde durchs Haus machen wird.

Und obwohl nun alle wussten, dass ich eine Depression habe und dass meine Leistungsfähigkeit zeitweise eingeschränkt ist, bot mir die Main-Post deutlich bessere Konditionen an. Ich unterschrieb.

Nach dem Antreten zur Therapie war das Outing mein zweiter wichtiger Schritt, um zu überleben. Nicht, dass mich jetzt wer in Watte packte, die Redaktion erwartet Leistung fürs Geld. Aber wenn mich jetzt das Schwarze Tier holt, kann ich die Karten auf den Tisch legen. Ich muss nicht lügen, muss nicht stärker tun, als ich bin, muss mir nicht noch mehr Druck machen, als ich eh schon habe. Von meinen Kollegen habe ich kein einziges Mal eine unpassende Bemerkung über meine Krankheit gehört. Das will was heißen, die Zartbesaiteten sind selten in dieser Branche. Möglicherweise machen hinter meinem Rücken Boshaftigkeiten die Runde, nicht alle sind sich grün. Aber die Situation ist gut so, wie sie ist. Ich habe meine Offenbarung nie bereut. Im Gegenteil: Sie hat mir das Leben einfacher gemacht.

Nach mehr als zwei Jahren Therapie bin ich immer noch nicht gesund. Es wird wohl noch Jahre dauern, bis ich das Schwarze Tier gezähmt habe. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich es schaffe.

Main, mein Bruder, Du musst ohne mich reisen.


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Meine Traumfrau

Brunnen am Dorfplatz von Labeaume in der Provence. (Foto: Wolfgang Jung)

Meine Traumfrau ist alt und faltig und geht ein bisschen gebückt. Sie geht langsam und in kleinen Schritten, und ich gehe neben ihr und ich bin auch alt und faltig und ein bisschen gebückt, und ich kann auch nur noch in kleinen und langsamen Schritten gehen.

Meine Traumfrau und ich haben viel miteinander erlebt, haben alles miteinander geteilt und sind einander so vertraut, wie zwei Menschen nur einander vertraut sein können. Wir gehen eng aneinandergeschmiegt und wissen nicht, wer von uns beiden den anderen stützt. Wir sehen etwas Schönes und freuen uns beide gleich und doppelt: Wir erfreuen uns am Schönen und freuen uns, weil der andere sich freut.

Meine Traumfrau ist so, dass der Gedanke mir weh tut, ihr könnte es nicht gut gehen.

Meine Traumfrau ist eine Frau, die mit mir ihre Schmerzen teilt und ihre Wünsche und Träume und Hoffnungen und Freuden. Meine Traumfrau erzählt mir Geschichten, und ich vergesse, dass das Geschichten sind und ich lebe in ihnen und mit ihnen.

Ich rieche meine Traumfrau, wenn sie nicht da ist. Ich höre ihr Lachen, wenn sie nicht da ist. Ich fühle ihre Haut, obwohl ich sie nicht berühre. Mein Herz geht auf, wenn ihr Herz aufgeht. Ich kann mit meinen Sinnen ihre Sinne spüren und kann fühlen, wie sie fühlt. Ich habe Lust auf meine Traumfrau, ich werde nicht satt von ihr, in keiner Weise.

Und wenn ich eines Tages alt und klapprig bin und aufwache an der Seite meiner Traumfrau und sie wacht nicht mehr auf, dann bin ich traurig, weil sie nicht mehr ist und weil sie ihr Leben verloren hat. Sie hatte doch nur dieses eine.

Und ich bin traurig, weil der Spiegel meiner Liebe stumpf geworden ist.

Und dann nehme ich meine tote Traumfrau und lege sie an meine Brust, wo sie sich immer angeschmiegt hat, wenn wir zärtlich zusammen waren. So wird sie liegen, und ich werde sie streicheln und ihr traurige Zärtlichkeiten zuflüstern und meine Tränen fließen wie kleine Bäche zwischen ihren Falten.

Und dann werde ich um mich weinen, weil ich sie verloren habe und dann werde ich ins Nachtschränkchen langen und mir die Tabletten herausholen, die machen können, dass ich nicht alleine bleibe.

So ist das mit Dir, meine Traumfrau, und das liegt alles noch vor uns, jeden Tag, immer aufs Neue: das Entdecken, der Liebesrausch, das Vertraut-Werden, das Immer-Inniger-Werden, das Verzehren, das Verschmelzen; von allem immer mehr, immer intensiver, je älter wir werden.


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Sevilla bei Nacht: Sprachverwirrung und Weichspüler

Das Beste, was einem auf Reisen widerfahren kann, ist das Schöne, mit dem man im Traum nicht rechnet

Theodor Berchem, der frühere Präsident der Uni Würzburg, spricht rund zwei Dutzend Sprachen. Ich hörte ihn einmal davon träumen, alle Sprachen der Welt zu sprechen. Dann, sagte er, würde er die Weisheiten der ganzen Menschheit kennen. Was für ein großer, schöner Traum.

Im September 2007 kam ich weit nach Mitternacht mit dem Bus aus Portugal in Sevilla an.

Ich suchte eine Bleibe und landete in einem winkligen Gässchen an der Rezeption einer Pension. Ein alter Herr stand hinter dem Tresen und bewillkommte mich freundlich.

Er sprach Spanisch – das spreche ich nicht. Er gestikulierte und grimassierte und offensichtlich war, dass ein Problem steht zwischen mir und meinem Einzug. Wir verstanden einander nicht und kamen nicht zusammen.

Ein Spanisch sprechender Franzose, Gast der Pension, kam herein, versuchte zu übersetzen, aber ich spreche auch kein Französisch und er kein Deutsch und kein Englisch.

Es war schon 2 Uhr durch und ich war wirklich müde nach der Reise und hätte mich so gerne in ein Bett gelegt.

Ein russischer Gast kam dazu, der sprach Französisch und wusste nun auch, was den alten Herrn plagte. Weil aber auch er nicht Englisch und nicht Deutsch sprach, blieb es das Geheimnis der drei.

Im Quartett kauderwelschten wir – der Spanier, der Franzose, der Russe und der Deutsche – und verhandelten mit Händen und Füßen und lachten uns scheckig, aber ich verstand ums Verrecken nicht, was sie mir sagen wollten.

Im September bullert Sevilla auch in der Nacht noch heiß wie ein Ofen; bei 30 Grad schläft man nicht gut, auf den Straßen ist lange was los. Und so traten in dieser Nacht weitere Leute an den Tresen. Ein US-amerikanisches Ehepaar, das, so stellte sich heraus, in den Sechzigerjahren aus der Sowjetunion nach New York emigriert ist, wollte seinen Zimmerschlüssel haben.

Que suerte! Diese beiden machten die spanisch-französisch-russisch-englische Sprachkette perfekt, jetzt verstanden wir endlich alle einander.

Und dies war das Problem: Ich wollte eine Woche bleiben, der alte Herr  aber hatte nur für zwei Nächte ein Zimmer mit einem großen Bett.

Das Zimmer war einfach, es gefiel mir. Es lag im ersten Stock, hatte einen kleinen Balkon, die Straße darunter war geschäftig, aber ruhig, den Mini-Mercado um die Ecke hatte ich während meiner Herbergssuche schon gesehen und überraschend günstig war es auch. Ich blieb.

Am dritten Tag bezog ich ein Zimmerchen im dritten Stock. Tageslicht gab es keines. Ein Fenster verband das Zimmerchen mit einem breiten Schacht, der von der Rezeption hoch unters Dach führte. Das Bett war schmal. Bei geschlossenem Fenster war die Luft heiß und stickig, bei offenem Fenster hörte ich die großen Waschmaschinen und Wäschetrockner hinter der Rezeption rauschen. Der Duft von Waschmittel und Weichspüler füllte den Raum.

Eine Nacht lang wollte ich es probieren. Aber kaum war ich gelegen wusste ich schon: Morgen, gleich nach dem Frühstück, suche ich mir eine behaglichere Bleibe.  

Dann versuchte ich zu schlafen. Aber zwischen der tiefsten Nacht  und der Dämmerung, als alles still war, vertrieb der alte Herr an der Rezeption sich die Langeweile mit dem Singen melancholischer Lieder.

Ich machte kein Auge zu.

So hinreißend schöne, alte, herzschmelzende Lieder! So eine brüchige, alte, schöne Stimme!

Ich ließ das Fenster zum Schacht geöffnet. Ich hätte mir die Nacht kaum schöner wünschen können.

Und bin dann doch die ganze Woche lang geblieben.


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