Lioba Müller, gerade so davongekommen

Wie eine junge Telefonistin die Zerstörung von Würzburg am 16. März 1945 überlebte und welche Lehren sie daraus zog

Lioba Müller. (Foto: Thomas Obermeier)

Der Krieg war im sechsten Jahr. Wehrmacht und SS hatten Europa verwüstet und Millionen Menschen umgebracht, 20 Millionen allein in der Sowjetunion. Nazi-Deutschland war weit gekommen mit dem Versuch, in einem industriell organisierten Massenmord die Jüdinnen und Juden auszurotten.

Und doch hofften und glaubten viele Würzburger:innen, sie und ihre Stadt kämen heil davon, anders als Dresden, Hamburg, Pforzheim und viele andere Städte.

Lioba Müller, klein und zierlich, rennt

Im Fernmeldeamt am Paradeplatz war Wini Baunach, die Aufsichtsdame und Chefin der „Fräuleins vom Amt“, nicht so zuversichtlich.

Am 16. März 1945 hören die Würzburger um 19 Uhr die Sirenen heulen und um 20 Uhr wieder. Die Sirenen haben in diesem Krieg schon über 300 Mal geheult, viele nehmen den Alarm nicht mehr ernst. Baunach aber schickt um 20.50 Uhr das Fräulein Lioba Müller nach Hause, 40 Minuten vor Dienstende. Die Chefin lässt die 23-Jährige gehen, weil sie den längsten Heimweg von allen hat: eine Stunde lang, nach weit hinten in der Veitshöchheimer Straße.

Eine Stunde später wird das Fernmeldeamt ein Haufen glutrot brennender Steine sein.

Um 21.07 Uhr heulen die Sirenen wieder. Müller, eine kleine und zierliche Frau, rennt, so schnell sie in ihren Holzschuhen rennen kann.

1000 Tonnen Bomben und Minen in 17 Minuten

Um 21.25 Uhr startet die Bomber Group Nr. 5 der Royal Air Force ihren Angriff. Binnen 17 Minuten wirft sie aus 223 Flugzeugen über 1000 Tonnen Luftminen, Spreng- und Phosphorbomben auf die alte Stadt.

Hinter sich hört Müller das Bersten der Bomben. Sie dreht sich um, voller Angst, und sieht den Schein der lichterlohen Flammen den Himmel färben. Und mittendrin im Inferno liegt das Amt am Paradeplatz.

„Ich hab gedacht, das gibt’s doch nicht. Die Hölle war los. Es war alles glutrot auf einmal, und gezischt hat es immer, ein Rauch, eine erstickende Luft, man hat nicht richtig atmen können.“

Und sie hatte noch so weit zu laufen.

„Man könnte doch den Krieg abstellen“

Wie ein biblisches Strafgericht fällt die Royal Air Force über Würzburg her, sie unterscheidet nicht zwischen Tätern und Opfern. Sie bringt 4000 Kinder, Frauen und Männer um.

Lioba Müller überlebt. Heute ist sie 95 Jahre alt, freundlich, klug und hellwach, mit einem warmen Herzen. Sie schimpft nicht, auf niemanden. Aber sie erzählt, wie die Nazis ihre Schule, die Englischen Fräulein, 1937 „gewaltsam geschlossen“ haben, und hält auf Distanz, wenn sie von den Fanfarenklängen und Siegesmeldungen im Radio berichtet.

Hätten die 4000 leben dürfen, der Krieg hätte keinen Tag länger gedauert. Müller rechtet nicht. Sie sagt:

„Man denkt doch, dass die Menschen vernünftig werden und sehen, dass durch Kriege nichts erreicht wird. Aber sie machen immer wieder dieselben Fehler. Wir fliegen auf den Mond und machen alles, man könnte doch den Krieg abstellen – unmöglich. Ist das nicht traurig?“

Lioba Müller will helfen

Ihre Wohnung ist wie der Frühling: hell und bunt, großzügig, viele Pastellfarben. Müller hat sie eingerichtet mit einem feinen Sinn für Musik, Literatur und Kunst. Die Rollos lässt sie immer oben. Im Krieg musste alles verdunkelt werden, damit kein Licht den Bombern den Weg nach Würzburg weise. Sie fand das furchtbar. Und die Bomber haben Würzburg doch gefunden.

In der Veitshöchheimer Straße hat das Haus der Müllers Schrammen abbekommen, aber es steht. Tags darauf, in aller Frühe, läuft Lioba Müller in die Stadt. Sie ist Rotkreuz-Schwester – „vielleicht kann ich helfen“, denkt sie.

„Und das war das Schlimmste: Am Berliner Ring bin ich gelaufen, da denke ich, was ist denn da? Dann waren im Gras, im Rondell, da waren lauter so große (sie zeigt eine Spanne von etwa einem Meter) verkohlte Stücke gelegen und da habe ich geschaut und dachte, das gibt’s doch nicht! Dann waren das Menschen! Verkohlte Menschen! Das habe ich später erst erfahren: Die waren durch das Phosphor auf Kindergröße geschrumpft. Da waren sie in Reih und Glied dagelegen. Das war schrecklich. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich dran denke.“

Da huscht wer hinter den Rauchschwaden

Sie will weiter zum Paradeplatz und kann nicht, weil die Innenstadt glüht. Alles ist menschenleer, „höchstens mal hinter den Rauchschwaden ist jemand gehuscht“.

Sie kann nichts tun und macht sich auf den Heimweg.

„Ich war todunglücklich, hab gedacht, das ist kein Traum, das ist alles Wirklichkeit, was du da erlebt hast, und da lagen auch andere Tote, denen die Lunge zerplatzt ist durch diese Bomben, und tote Tiere. Und nach der Biegung beim Löwen am Stein ging auf einmal ganz leicht und ganz verschleiert die Sonne auf. Es war ja März. Es hat schon zu grünen begonnen an den Weinbergen, und da habe ich gedacht, das gibt’s doch nicht. Da sieht die Welt ein bisschen hoffnungsvoll aus und hinter mir dieses Grauen, dieses Entsetzen.“

Fast alle Kolleginnen und Kollegen vom Amt hatten sich rechtzeitig in einen nahen Luftschutzkeller geflüchtet. Zwei „Fräuleins“ und ein Techniker kamen um.


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