Werner Heyde, Mörder aus der Nervenklinik

Wie ein Psychiater sich zum Furchtbarsten aller Würzburger Mörder:innen und Totschläger:innen machte

Werner Heyde auf dem Spiegel-Titel der Ausgabe vom 19. Februar 1964.

Werner Heyde, der ehemalige Direktor der Universitätsnervenklinik in Würzburg, wartet auf seine Richter. Ein Massenmörder soll er sein, medizinischer Leiter der nationalsozialistischen Aktion T4, verantwortlich für den Tod von 100 000 psychisch kranken und geistig behinderten Menschen. Deutschland, schreibt der „Spiegel“ im Mai 1961, erwarte einen ähnlich aufsehenerregenden Prozess wie den, der in Jerusalem gegen den Holocaust-Organisator Adolf Eichmann begonnen hat.

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer bereitet den Prozess vor. Er hat Eichmann in Argentinien aufgespürt und bereitet die Auschwitz-Prozesse vor, die ab 1963 in Frankfurt laufen werden. Der „Spiegel“ prophezeit, Bauer werde im Prozess gegen Heyde „sämtliche Verharmlosungsthesen ad absurdum“ führen, „mit denen in der jüngsten Vergangenheit ehemalige NS-Ärzte, leichtgläubige Juristen und kommentarfreudige Staatsfunktionäre die Aktion zur Vernichtung angeblich unwerten Lebens zu erklären versuchten“.

Würzburg, „ein heißes Bett der Nazis“

Heyde und seine noch verborgenen Mittäter müssen fürchten, was ans Licht kommen könnte. Und Würzburg hat der Generalstaatsanwalt eh schon im Blick. Dort entlarvt gerade der junge Nervenarzt Elmar Herterich Nazi-Verbrecher in den höchsten Rängen der Justiz. Die „New York Times“ beschreibt die Stadt als „a hot bed of Nazis“. Im Februar 1962 spricht Bauer von „haarsträubenden“ Zuständen in Würzburg, die ganze Stadt werde „von einer nazistischen Clique terrorisiert“.

Anfang 1964 ist seine Anklageschrift gegen Heyde und zwei mutmaßliche Mittäter 883 Seiten dick. Mit dem Würzburger soll Friedrich Tillmann, der ehemalige Büroleiter der T4-Zentrale in Köln, auf der Anklagebank sitzen, und Gerhard Bohne, Heydes Vorgänger als T4-Chef. Am 18. Februar will Bauer die Anklage verlesen. Bohnes Platz auf der Anklagebank wird leer sein, das weiß er bereits. Der Mediziner ist nach Südamerika geflüchtet.

Die Uni will jahrzehntelang nichts wissen

Am 12. Februar stürzt Tillmann sich aus dem achten Stock in den Tod. Am 13. Februar hängt Heyde sich in seiner Zelle auf. Der Prozess platzt. Bauer ist schockiert. Er vermutet „eine stillschweigende Übereinkunft der Beteiligten, diesen Prozess nicht stattfinden zu lassen“.

Heydes Komplizen bleiben unerkannt. Bis heute weiß die Universität Würzburg nicht, wie tief ihre Mediziner verstrickt waren in T4. 70 Jahre lang, mit einer kurzen Unterbrechung, hat sie vorgezogen, nichts zu wissen. Erst im Oktober 2014 beschäftigte sie sich in einem Symposium mit diesem Teil ihrer Geschichte.Sie stellte eine Gedenkstele für die Opfer auf. Christoph Reiners, damals Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums, bekannte „Scham und Schuldgefühl“. Die Aufarbeitung komme „viel zu spät“.

Drei Professor:innen befassten sich in den 2010er-Jahren mit der T4-Vergangenheit ihrer Universität: Jürgen Deckert, der Chef der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (früher: Nervenklinik), Martin Krupinski, Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie, und die Medizinhistorikerin Karen Nolte. Sie kommen nur langsam voran. Das liege, berichteten sie, unter anderem an der schieren Menge der Unterlagen.

Die Nazi-Medizin ist nicht untergegangen

Nolte sagt, sie habe 25 000 Akten von psychisch kranken Menschen gesichtet, angelegt in Würzburg in den Jahren 1925 bis 1952. Ihr Antrag an die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG), die Forschung zu fördern, ging fehl, weil, so Nolte, andere Universitäten Ähnliches schon absolviert hätten.

Nolte, Krupinski und Deckert schließen aus, dass die Nazi-Medizin mit dem Nazi-Reich untergegangen ist. Nach dem aktuellen Forschungsstand können sie aber in Würzburg eine Kontinuität nach dem Krieg – noch – nicht belegen.

Doch diese Kontinuität gab es, personell und ideologisch, in der Bundesrepublik und in der DDR. Prominentes Beispiel ist Professor Werner Catel, bis 1960 Ordinarius für Kinderheilkunde in Kiel. Er war einer der ersten T4-Gutachter. 1964 forderte er, Ärzten per Gesetz „in gewissem, genau definiertem Umfang die Tötung vollidiotischer Kinder“ freizugeben. In einem sechsseitigen „Spiegel“-Interview versicherte er, „in jedem Fall“ sei möglich, „diese seelenlosen Wesen von werdenden Menschen zu unterscheiden“.

Er sprach von „Kreaturen“, die „äußerlich hübschen Kindern glichen“, aus denen aber „nichts herausgeholt“ werden könne.

Ein Kinderarzt sieht „Monstren ohne Ewigkeitswert“

Auf den Einwand des „Spiegel“, die Todesstrafe sei abgeschafft, entgegnete Catel, hier sei nicht von Menschen die Rede, „sondern von Wesen, die lediglich von Menschen gezeugt wurden“. Anstalten nutzten nichts, denn „das Monster vegetiert weiter“. Catel hoffte auf Unterstützer in den christlichen Kirchen, weil diese Wesen „keinen Ewigkeitswert“ hätten.

Der schleswig-holsteinische Kultusminister Edo Osterloh meinte, Catel habe „im sittlichen Sinne nichts Unrechtes getan“, als er Kinder zur Vernichtung aussortierte. Das Hamburger Landgericht fand die Verbrechen der NS-Ärzte schwierig zu beurteilen, weil schon „dem klassischen Altertum die Beseitigung lebensunwerten Lebens eine völlige Selbstverständlichkeit war“.

T4-Ärzte machten in der BRD und in der DDR Karriere, unter ihnen der Würzburger Günter Munkwitz, Heydes Assistent an der Nervenklinik von 1939 bis 1942. Munkwitz stieg zum Stellvertretenden Direktor des Krankenhauses Eilenburg im Bezirk Leipzig auf, obwohl das MfS seine Vergangenheit kannte. 1961 hatte die Polizei ihn in Würzburg gesucht. Die Rektoratskanzlei der Uni und die Nervenklinik gaben sich ahnungslos. Ernst Klee schreibt in seinem Standardwerk „‚Euthanasie‘ im Dritten Reich“, Heydes Stellvertreter und Vertrauter in der Nervenklinik, Karl Stössel, habe die Kripo mit seiner Aussage „sogar in die Irre geführt“: Munkwitz sei „1940/41 zur Luftwaffe eingezogen und seitdem nicht mehr gesehen worden. 1964 bescheinigte das MfS dem Mord-Arzt, er stehe „beim Aufbau unseres sozialistischen Gesundheitswesens an führender Stelle“.

Die Medizinhistorikerin Nolte sagt, Stössel sei „ganz klar antisemitisch“ und ein überzeugter Nazi gewesen. Seine Gutachten „strotzen vor Untermenschen-Ideologie“. Nach dem Krieg wurde ihm die kommissarische Leitung der Nervenklinik übertragen.

Eine Büste für den Menschenexperimenteur

Warum kein Würzburger den Munkwitz entlarvte, was aus Stössel wurde, wer mitwusste und mittötete – die Universität weiß es nicht. Der Anteil der NSDAP-Mitglieder in der Ärzteschaft betrug im Dritten Reich 45 Prozent – wie hoch er an der Uni war, ist nicht bekannt. Nachkriegspublikationen der Ärzte, die zwischen 1939 und 1945 an der Nervenklinik arbeiteten, wurden nicht auf Nazi-Ideen untersucht.

Aber es gibt Indizien dafür, dass der Nazi-Geist unter Würzburger Medizinern weiter spukte. Ein Beispiel ist der Neurologe und Leiter der Kopfklinik, Professor Georges Schaltenbrand. An T4 war er nicht beteiligt, aber Menschenversuche an geistig behinderten Patienten hat er unternommen. 1945 verlor er seinen Posten als Klinikchef. Seine Kollegen rehabilitierten ihn und erhoben ihn 1967 zum Ehrenvorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Die Uni-Klinik ehrte ihn mit einer Bronzebüste im Kopfklinikum. Erst 1996 entfernte sie die Büste, nachdem eine internationale Fachzeitschrift über Schaltenbrands Experimente berichtet hatte.

Die Klinikchefs haben Angst

In der Nervenklinik gab es eine jahrzehntelange Verbundenheit mit Heyde: Bis Anfang der 1970er Jahre hing sein Porträt in der Galerie der früheren Klinikleiter. Erst Otto Schrappe, Klinikchef ab 1970, ließ es abnehmen. Deckert berichtet, Schrappe habe „sehr mit der Geschichte gelebt“. So habe der Psychiater die Diagnose Schizophrenie „möglichst wenig gestellt“. Das Leben schizophrener Patienten galt den Nationalsozialisten nichts. Schrappe wollte die Kranken schützen, für den Fall, dass die Nazis wiederkämen.

Schrappe starb 1983 im Alter von 59 Jahren. Deckert glaubt, die Uniklinik wäre sehr viel weiter mit der Aufarbeitung ihrer NS-Geschichte, hätte er länger gelebt. Schrappes Nachfolger Helmut Beckmann sei ohne Interesse gewesen, die dunkle Vergangenheit aufzuklären.

Vielsagend ist schließlich auch Heydes Schicksal selbst. 1947 entfloh er in Würzburg einem Gefangenentransport. In Flensburg baute er sich unter dem Namen Fritz Sawade eine neue Existenz als Arzt und Gutachter auf, bis zu seiner Enttarnung 1959. Nahezu ausgeschlossen scheint, dass kein Würzburger Bescheid wusste. Nach seiner Festnahme kam heraus, dass in Schleswig-Holstein hochrangige Mediziner, Juristen und Politiker den Massenmörder geschützt hatten. Keiner wurde bestraft.

Literaturtipp

Beddis, Thomas (Herausgeber) im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ): Im Gedenken der Kinder. Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit. Ohne Verlag, Berlin, 2012

Godau-Schüttke, Klaus-Dieter: Die Heyde/Sawade-Affäre. Wie Juristen und Mediziner den NS-Euthanasieprofessor Heyde nach 1945 deckten und straflos blieben. Nomos-Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2001

Jütte, Robert: Medizin und Nationalsozialismus. Bilanz und Perspektiven der Forschung. Wallstein Verlag, Göttingen, 2011

Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Edition Kramer, 2013

Klee, Ernst: „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.  Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt, 2014

Schneider, Frank/Lutz, Petra: erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus. Springer Medizin, Heidelberg, 2014


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