Leo Weismantel, Schriftsteller

Wie ein Dichter sich an Adolf Hitler heranwanzte und trotzdem im Gefängnis um sein Leben bangen musste.

Leo Weismantel um 1930. (Foto: Max Glauber)

Leo Weismantel, Jahrgang 1888, gebürtig aus der Rhön, wohnhaft in Marktbreit, will ein guter Deutscher sein und Adolf Hitler soll das wissen. Der Dichter und Lehrer, radikale Christ und ehemalige Abgeordnete im bayerischen Landtag, vielgelesen und bekannt im Reich, schreibt dem „sehr geehrten Herrn Reichskanzler“ einen Brief.

Von einer „hundertprozentiger Deckung“ seiner „Ziele und der Programmatik des Nationalsozialismus“ berichtet er, und von seiner Forderung im Jahr 1924, alle Parteien zu zerschlagen und in eine einzige zusammenzuführen, von seiner Arbeit für eine „ständische Volksordnung“ und „organische Volkskultur“. „Treueste Gefolgschaft“, erinnert er Hitler, habe er ihm im Oktober 1933 „feierlichst“ gelobt, gemeinsam mit 87 Schriftstellerkollegen.

Im Terror des Gauleiters Hellmuth

So dient sich Weismantel, gebürtig aus Obersinn in der Rhön, jetzt Marktbreiter, im Juni 1936 dem Führer an, eifrig und dienstfertig, ein Jahr nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze. Womöglich wäre ihm viel Pein erspart geblieben, hätte er „Führer“ geschrieben und nicht „Reichskanzler“ und mit „Heil Hitler“ gegrüßt statt mit „Ihr sehr ergebener“. Schlecht bekommen ist ihm gewiss, dass er sich in diesem Schreiben über Otto Hellmuth beklagte, den NSDAP-Gauleiter von Mainfranken: Der ergebe sich „hemmungslos“ Denunziationen zu seines, Weismantels, Schaden, und terrorisiere ihn.  

Und so steht, seiner Unterwürfigkeit zum Trotz, Weismantels Name, zusammen mit den Namen von etwa 5000 weiteren Politikern, auf einer Liste, zur Vorbereitung für den Fall, dass im Reich eine Meuterei ausbreche. Nach dem 24. Juli 1944, dem gescheiterten Attentat auf Hitler, schwärmt die Geheime Staatspolizei (Gestapo) in der „Aktion Gewitter“ aus und verhaftet die 5000.

Eingesperrt im „Notgefängnis“ der Gestapo

Am 24. August 1944 sperrt die Gestapo Weismantel, der mittlerweile mit seiner Familie in Würzburg lebt, in ihr Notgefängnis genanntes Lager im Frauenland ein. Seit dem 1. September 1942 schinden hier Polizisten und ihre Handlanger Häftlinge, für die kein Platz ist im überfüllten Gefängnis in der Ottostraße.

Dieses Lager, vier Holzbaracken und ein steinernes Wachhaus auf 6000 Quadratmetern, gesichert mit einem doppelten Stacheldrahtzaun, steht auf einer Brache, 100 Meter längs der Friesstraße, 60 Meter längs des Zwerchgrabens.

Szenen wie aus den Abgründen der Unterwelt

Im Juli 1947 berichtet die Main-Post über einen Prozess gegen den Verwaltungsleiter des Notgefängnisses: „Wer die Verhandlung, zu der 70 Zeugen geladen waren, bis zum Ende miterlebte, war erschüttert von dem Martyrium wehrloser Menschen, die als Häftlinge des Würzburger Notgefängnis Hunger, Frost und körperliche Misshandlungen erdulden mussten. In diesem Gefängnis, das der Würzburger Gestapo unterstand, in welchem Fremdarbeiter aller Nationen und auch Kriegsgefangene inhaftiert waren, spielten sich täglich Szenen ab, die wie aus den Abgründen der Unterwelt anmuten.“

Um die Neuankömmlinge, ob Mann oder Frau, kümmern sich Kalfakter – Häftlinge in Diensten der Gestapo. Sie scheren die Neuankömmlinge kahl und peitschen sie mit dem Ochsenziemer aus, mit fünf bis 25 Hieben auf das Gesäß, je nachdem, wie viele die Gestapo anordnet. Wer sich wehrt, büßt mit noch mehr Hieben.

„Eine totale Verlorenheit erschüttert die letzten Fundamente des Glaubens, und alle Grundfesten der Menschen und ihrer Würde stürzen ein.“

Leo Weismantel über die Haftbedingungen im Gestapo-Lager

Die Häftlinge von der Aktion Gewitter – neben Weismantel zum Beispiel Adam Stegerwald, der im August 1945 die CSU gründen wird – sind privilegiert, der Ochsenziemer bleibt ihnen erspart.

Weismantel berichtet im Aufsatz „Ein Wort im Vorübergehen“: „Sie bringen dich in ein Lager, und du schleppst einen stinkenden Strohsack und stinkende Decken (…) zu einem Holzgestell in einer Baracke, wie Christus das Kreuz (…) nach Golgatha trug.“ Eine „totale Verlorenheit“ erschüttere „die letzten Fundamente des Glaubens, und alle Grundfesten der Menschen und ihrer Würde stürzen ein“.

Die Gestapo steckt die Gewitter-Häftlinge in die Frauenbacke, weil die Männerbaracken überfüllt sind. „Dort sahen wir Frauengestalten wie Vieh auf Stroh liegen – etliche waren schon wahnsinnig geworden, und der Wahnsinn schrie jeden an, der hier vorüber musste. – Sie rüttelten an den Verschlägen, schrien um Hilfe, flehten uns Ohnmächtige an, sie freizulassen!“

Eine Hölle, die für den letzten Einsturz bereit macht

Seiner Zelle gegenüber lag das Verhörzimmer. „Vom Morgen bis zum Abend kam von dort das Geschrei der Gestapo-Männer, das Geknalle der Peitschen über den Köpfen der Gefangenen, deren Schmerzgeschrei.“ Die Schinder prügeln die Häftlinge tot, lassen sie verhungern, erfrieren oder hängen sie auf. Alexander Kraus und Helmut Försch von der Geschichtswerkstatt, die die Geschichte des Lagers erforscht haben, sprechen von über 150 Toten.

Eine Hölle nennt Weismantel diesen Ort, in der sich Seele, Geist und Körper „für den letzten Einsturz“ bereit machten. Die „leiseste Drohung einer Gefahr“ erfasse alle Sinne.

Nach drei Wochen bricht er zusammen – „ich liege wie ein Wurm, der sich krümmt, auf dem Boden“. Der Lagerarzt diagnostiziert einen Darmverschluss. Dann flüstert er dem Kranken zu: „Vertrauen Sie mir – ich habe Bücher von Ihnen gelesen“, verschwindet, kehrt mit Krankenpflegern des Roten Kreuzes zurück, die tragen aus dem Lager hinaus, am frühen Morgen des 15. September.

Nach dem Krieg verhaftet die US-Army den Arzt. Weismantel will ihn im Gefängnis besuchen und ihm danken – das gelingt ihm nicht. Sein Lebensretter hat sich in der Haft umgebracht.

Literaturtipp

Geschichtswerkstatt im Verschönerungsverein Würzburg: Das Gestapo-Notgefängnis in der Friesstraße 1942 – 1945. Heft 4. Erschienen 2015.

Weismantel, Leo: Ein Wort im Vorübergehen. In: Inge Meidinger-Geise (Herausgeberin): Ohne Denkmalschutz. Ein fränkisches Lesebuch. Verlag Nürnberger Presse, Nürnberg, 1970


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