Nieder mit dem generischen Maskulinum!

Ich hatte mich gefürchtet vor der vielen Arbeit, deswegen ließ ich es jahrelang liegen, mit schlechtem Gewissen: das gendergerechte Umbauen meiner Texte auf dieser Webseite.

Im Januar, als ich mich an den Relaunch von schreibdasauf.info machte, fand ich keine Ausreden mehr vor mir selbst.

Frage an den Schwarm!Ich relaunche meine Website. Dazu gehört, die Texte nach und nach geschlechtergerecht…

Gepostet von Wolfgang Jung am Samstag, 18. Januar 2020
Wer das Posting anklickt, begibt sich in die Fänge des Datenkraken Facebook, kann aber beim Anklicken der kleinen Sprechblase am unteren Ende die Diskussion nachlesen.

Einige, Männer und Frauen, interessierte die Frage nach dem Wie weniger als die Frage nach dem Ob.

Übers Ob bin ich hinaus, das diskutiere ich nicht mehr.

Sprache schafft Bilder.

Erzählt jemand eine Geschichte gut, sehe ich sie. Ich sehe, was ich höre und lese. Höre und lese ich nicht von Frauen und Transmenschen, sehe ich keine. Sehe ich sie nicht, sind sie nicht da, ereignet die Geschichte sich ohne sie.

Die Wirklichkeit ist eine Frage der Wahrnehmung.

Was wir wahrnehmen und für Wahrheit halten, ist unsere Interpretation dessen, was ist. Erkennen können wir, was wir kennen. Was wir nicht kennen, biegen wir uns in unserer Wahrnehmung so zurecht, dass wir damit etwas anfangen können.

Dann glauben wir was, wir wissen nicht. Oft wissen wir nicht einmal, dass wir etwas glauben. Erstaunlicherweise ist besonders oft von „Wahrheit“ die Rede, wo es nur um „Glauben“ geht.

So bauen wir unsere Welt und unsere Wahrheiten aus unseren Wahrnehmungen und wundern uns, dass ein Mensch, der dieselbe Welt sieht, „Lüge“ schreit. Das ist so, weil wir unterschiedlich wahrnehmen, unterschiedlich erkennen und aus Nichterkanntem auf unterschiedliche Weise Erkenntnis formen.

Deswegen leben wir in einer Zeit in vielen Welten.

Ich versuche für mich zu klären, wie ich zu meinen Wahrnehmungen komme.

Ich weiß, dass Geschichten meine Wahrnehmung prägen.

Als 16- oder 17jähriger fand ich beim Herumklettern auf der Mülldeponie von Herchsheim im südlichen Landkreis Würzburg „Landser“-Hefte. Die Autoren dieser Machwerke verherrlichten in romanhaft erzählten Geschichten Krieg und Wehrmacht.

In einem dieser Hefte las, wie auf dem Balkan ein braver Wehrmachtssoldat in die Hände von Partisanen geriet. Der Autor schilderte die Folter und die außerordentlichen Qualen, die der Held klaglos erduldete, ohne seine Kameraden zu verraten. Ich las berührt und begeistert von den soldatischen Tugenden des tapferen Deutschen, hoffte auf seine Befreiung, musste dann aber miterleben, wie einer dieser abscheulichen, ehrlosen jugoslawischen Partisanen meinem Helden einen Handgranate in den Mund steckte und den Abzug zog.

Ich war ein gieriger Allesleser, habe verschlungen, was mir vor die Augen kam, darunter jede Menge von solchem Mist, der meine Idee von Wirklichkeit prägte.

Ich war schon in meinen Dreißigerjahren, als mir aufging, dass meine unterschwelligen Aversionen gegenüber Jugoslaw:innen nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten. Trotzdem bekam ich sie zunächst nicht los, so tief hatten die Gräuelgeschichten sich mir eingebrannt.

Wie für fast jede Pein war auch hier die Musik – der ultimative Ausdruck des Menschseins – das Heilmittel. Aus den verschiedenen Ecken und Kulturkreisen des Balkans suchte ich sie mir zusammen und sie fasste mich an und läuterte und heilte mich.

Ich finde frappierend und faszinierend, dass wir mit Sprache wirkungsmächtige Wirklichkeiten schaffen können. Unzählige wirkungsmächtige Wirklichkeiten bestehen nebeneinander. Ihre Erzähler:innen konkurrieren miteinander um die wirkungsmächtigste, die wirklichste Wirklichkeit.

In den Wirklichkeiten, die unsere Wahrnehmungen dominieren, kommen Frauen nicht oder nur am Rande vor, oft als Garnitur, akzeptiert in dienender Rolle, als männlich denunziert in gestaltender Rolle.

In meinem 60. Lebensjahr habe ich eben zum ersten Mal das Wort "Laiin" geschrieben.Bislang war mir gar nicht klar,…

Gepostet von Wolfgang Jung am Samstag, 25. Januar 2020

Als ich begann, die Geschichten auf meiner Webseite geschlechtergerecht umzuarbeiten, stieß ich auf ein Problem, das ich nicht bedacht hatte: Wie erzähle ich eine Geschichte richtig, wenn ich nicht weiß, ob Frauen dabei waren und, wenn ja, wie sie sich verhalten haben?

In 1932: Das große Nazi-Verdreschen von Eibelstadt marschieren 150 SA-Männer aus Würzburg den Main hinauf zum berühmten Weindorf Sommerhausen, um dort einen „Deutschen Tag“ zu feiern. Im tendenziell roten Eibelstadt machen sie vor der Kirche Halt. Sie veranstalten enormen Lärm mit einer Kundgebung, stören die Gläubigen im vollbesetzten Bethaus und erleben eine Überraschung.

Christliche Eibelstädter stürzen mit geballten Fäusten aus der Kirche heraus und fallen über die Nazis her. In einer nahen Wirtschaft lassen 70 Würzburger Kommunisten ihren Frühschoppen stehen und so brechen Nazi-Nasen unter den Hieben einer katholisch-christlichen Allianz.

In den Zeitungs- und Zeitzeugenberichten ist nur von Männern die Rede.

Gebrauchten die Autoren und Erzähler – Männer allesamt – das generische Maskulinum oder mischten tatsächlich keine Frauen mit?

Wie wahrscheinlich ist, dass bei einer Schlägerei im Zentrum einer Kleinststadt unter 300 Beteiligten keine Frauen sind? Vermutlich schlugen Frauen zu. Warum sollten sie nicht zuschlagen, wenn Nazis sich breitmachen vor ihnen?

Diese Geschichte, erzählt ohne fraulichen Anteil, bedeutet eine Wirklichkeit mit einer anderen Wirkung als die gleiche Geschichte, in der wütende und entschlossene Frauen Nazis verprügeln.

Was mache ich, der ich die Geschichte erzählen will, aber wegen der Möglichkeit des generischen Maskulinums nicht weiß, was tatsächlich passiert ist?

Ich nehme die Beteiligung von Frauen an und so erzähle ich sie. So gehe ich das Risiko ein, sie falsch zu erzählen. Das nehme ich in Kauf, weil das generische Maskulinum grundsätzlich zu fehlerhaft bis falsch erzählten Geschichten führt.

Am Anfang der Renovierung meiner Texte war es mir um ein geschlechtergerechtes Erzählen gegangen. Darum geht es mir kaum mehr. Ich halte eine gendergenaue Sprache wegen des Diktums des präzisen Erzählens für so selbstverständlich, dass mir absurd erscheint, sie auch noch einfordern zu müssen.

Auf Facebook meinten einige Männer und Frauen, ich würde die Sprache verhunzen und dass es Wichtigeres gäbe als gendergerechtes Sprechen.

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