Liebesgedichte für Johannes Brahms

Wie Georg Friedrich Daumer aus der Sanderau zum Texter eines großen Komponisten wurde, ohne davon zu wissen

Georg Friedrich Daumer. (Unbekante:r Porträtist:in)

1871: Johannes Brahms, der große Komponist, macht sich auf die beschwerliche Reise von Wien nach Würzburg. In der Weingartenstraße besucht er einen alten Herrn, der schon allerhand hinter sich hat: Georg Friedrich Daumer, geboren 1800 in Nürnberg.

Dieser Daumer, in die Geschichtsbücher eingegangen als derjenige, der den berühmten Findling Kaspar Hauser aufgenommen und unterrichtet hat, ist den Umgang mit großen Geistern gewohnt. Im Nürnberger Egidiengymnasium ist Georg Friedrich Wilhelm Hegel sein Rektor. Als Erlangener Theologiestudent ist Ludwig Feuerbach einer seiner wenigen Freunde.

Daumer, schließlich selbst ein Philosoph geworden, hatte versucht, eine neue Religion zu entwickeln, weil das Christentum ihm als „Vernichtungsreligion“ zuwider gewesen war.

Daraus ist nichts geworden. 1858 schlug er, der evangelisch Getaufte, sich dann doch auf die Seite des Papstes. Zwei Jahre später zog er ins katholische Würzburg.

Daumer muss schlimmen Liebeskummer gehabt haben

Johannes Brahms. (1889 porträtiert von C. Brasch)

Brahms aber besuchte den Dichter Daumer, den Autor innig-schöner Liebesgedichte. Ohne dass der alte Mann davon wusste, hatte Brahms über 60 seiner Poeme vertont. Dieses zum Beispiel:

Es bebet das Gesträuche,
gestreift hat es im Fluge
ein Vögelein.
In gleicher Art erbebet
die Seele mir, erschüttert
von Liebe, Lust und Leide,
gedenkt sie dein.

Die halbe Musikwelt kennt Brahms. Vom Würzburger Liebesdichter Daumer aber nur wissen wenige. Dabei hat er wirklich hübsche Gedichte geschrieben. „Stiller Schrei“ heißt eines – der Mann muss schlimmen Liebeskummer gehabt haben:

Nicht mehr zu dir zu gehen,
Beschloss ich und beschwor ich,
Und gehe jeden Abend,
Denn jede Kraft und jeden Halt verlor ich.
Ich möchte nicht mehr leben,
Möcht‘ Augenblicks verderben,
Und möchte doch auch leben
Für dich, mit dir, und nimmer, nimmer sterben.
Ach rede, sprich ein Wort nur,
Ein einziges, ein klares; Gib Leben oder Tod mir,
Nur dein Gefühl enthülle mir, dein wahres!

Chronistenklatsch

1834 heiratet er. Sollte stimmen, was Chronisten berichten, sind seine Gedichte mehr Ausdruck eines Sehnens als einer Erfüllung. Die Ehe mit Marie Friederike Rose sei geprägt, wird erzählt, durch Geldmangel, schlechtes Essen und Eifersucht.

Andererseits:

Nachtigall, sie singt so schön,
wenn die Sterne funkeln.
Liebe mich, geliebtes Herz,
küsse mich im Dunkeln!

1875, vier Jahre, nachdem der große Brahms ihn in seiner Wohnung in der Weingartenstraße besucht hatte, ist Daumer gestorben, 75 Jahre alt.

Liebeslieder Walzer. Musik: Johannes Brahms, Text Georg Friedrich Daumer

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