Von einem Würzburger, der sich einmischte, mit großem Herzen und großer Wut

Der Natur- und Menschenfreund Helmut Försch ist tot. Der Weltverbesserer mit dem großen Herzen und der großen Wut ist 98 Jahre alt geworden.
Försch hat sein Leben lang gekämpft: gegen Wiederbewaffnung und Atomkraft, für Natur- und Umweltschutz, gegen Nazis, für Frieden und Demokratie. Er ist gegen die Verschandelung Würzburgs ins Feld gezogen, für eine kindgerechte Stadt, und ganz besonders für seinen Heimatstadtteil Grombühl.
Der Arbeiter im Hintergrund
Er beschrieb sein Tun mit Abstand zu sich selbst: „Wo man gemerkt hat, da muss man was machen, da stinkt’s, da hat man eben reingestürt.“ Was so viel heißt wie: Da musste er sich einmischen.
Er tat das nicht eifernd und nicht als Lautsprecher, er war der Arbeiter im Hintergrund. Er setzte in Gang, suchte Mitstreiter, organisierte Mittel und schaffte.
57 Jahre lang arbeitete er im Würzburger Vorstand der SPD-nahen Naturfreunde. Von 1999 bis 2002 war er Mitglied des Stadtrates, als Parteiloser auf der Liste der ÖDP. Er gründete mit dem Pazifisten Kurt Rauhut die „Internationale der Kriegsdienstgegner“, mit Benita Stolz von den Grünen die Würzburger Filiale der „Aktion Stolpersteine“ und mit Heinrich Weppert die Geschichtswerkstatt.
Das Herz so groß wie ein Bahnhof
Försch, freundliches Gesicht, braun gebrannt, Lachfalten, weißes Oberlippenbärtchen, wacher und forschender Blick, konnte die Liebenswürdigkeit in Person sein. Er hatte ein Herz, groß wie ein Bahnhof, wenn es um Geplagte, Benachteiligte, Unterdrückte ging. Ein Pazifist sei er, sagte er, und dass er nicht nach großen Zielen strebe. Was er getan habe, sei vom Wunsch getragen gewesen, „das Beste für die Nächsten, die Umgebung“ zu erreichen, „für alle, die in einer ähnlichen Lage sind wie ich“.
Für jene allerdings, „die mit Geld umeinanderschmeißen können“, für die dachte er nicht mit.
Försch hat Vorbilder: Schon seine Eltern waren Mitglied bei den Naturfreunden, ihr Freundeskreis bestand aus Leuten aus der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung. Vater Fritz, ein selbstständiger Polsterer und Tapezierer, hat die Nazis gehasst. Und da sind Leute wie der Revolutionär, Journalist und Nazi-Gegner Felix Fechenbach. Förschs Verdienst ist unter anderem, dass das Stadtteilzentrum Grombühl nach diesem mutigen Mann benannt wurde.
Der verbotene Schatz

Als Zehnjähriger kam Försch in den Besitz eines verbotenen Schatzes: 200 Bücher von Autoren wie Kurt Tucholsky, Erich Kästner oder Oskar Maria Graf, allesamt Schriftsteller, deren Werke von den Nazis verbrannt wurden. Försch erzählte noch im hohen Alter noch von der Faszination, die ihn als Zehnjährigen bei der Lektüre von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ packte.
Dann holten ihn die Nazis, erst ins Jungvolk und, als er 14 Jahre alt geworden war, in die Hitlerjugend. Er hat mitgemacht, aber er habe sie, sagt er, nicht gemocht. Am 16. März 1945, er war 16, wurde sein Elternhaus zerbombt.
Der „große Schock“, berichtet er, kam nach dem Kriegsende, als er die Bilder aus den Konzentrationslagern sah. Da habe er den emotionalen Schub bekommen, der sein späteres Tun bestimmte.
Frei und geradeheraus
Er fühlt eine Schuld, weniger eine persönliche, mehr, weil er, so sagte er, „ein Teil dieses deutschen Volkes“ ist. Er schämte sich, „wenn irgendjemand gegen Juden oder gegen andere, gegen Schwarze oder Ausländer etwas Unanständiges sagt.“
Ob er sich schäme, weil er Deutscher ist, oder „weil wir es nicht fertiggebracht haben, dass solche Leute ihr Maul halten“, das wusste er nicht so genau.
Dieser freundliche alte Herr konnte außerordentlich giftig werden; er war ein brodelnder Vulkan. Manchmal, in Leserbriefen oder auf seiner Website http://foersch.de, berichtet er von seiner Wut. Die könne er, etwa beim Anblick massenweise weggeworfener Lebensmittel, „nur mit großer Energie im Zaum halten – denn da möchte ich am liebsten dreinschlagen, dass es nur so fetzt.“
Er war so frei und geradeheraus, dass es Leute gibt, die strikt verneinen, dass er jemals liebenswürdig gewesen sei.
Försch brannte im Alter noch wie ein Junger

Försch war eigen und ließ sich nicht vereinnahmen. Er war ein Linker, aber in seinem Beruf als Reprofotograf fälschte er Pässe für DDR-Bürger, die flüchten wollten.
2017 veröffentlichte der Echter-Verlag Försch‘ Buch über den christlichen Sozialisten Vitus Heller aus Würzburg (Vitus Heller. Vergessener Kämpfer für die Gerechtigkeit). Försch bewunderte den Heller, wie er den Revolutionär Felix Fechenbach bewunderte. Er identifizierte sich so sehr mit ihm, dass ihm beim Schreiben passierte, was nur leidenschaftlichen Menschen passieren kann: Er verschmolz die Figuren Heller und Försch, so dass oft nicht auszumachen ist, über wen er gerade schreibt.
Da war er 79 Jahre alt und hat gebrannt wie ein Junger.
Einer der schönsten Momente in seinem Leben
Und er war ein Mensch mit großer Demut. Er erkannte die Not und die Leistung der anderen, weil er sich nicht über sie stellte. Er machte kein Aufhebens um sich und das, was er tut.
Wenn Försch über sich selbst sprach, dann erzählte er aus seiner Kindheit in seinem geliebten Grombühl.
Dass ihn, der bei der Hitlerjugend mitlief, damalige Freunde, Juden, später mit offenen Armen wieder aufnahmen, berührt ihn zutiefst; diesen Moment beschrieb er als einen der schönsten seines Lebens.
1956 hat seine Elfriede ihn geheiratet – „sie hatte nichts, ich hatte nichts, da haben wir zusammengeworfen“. Ohne sie hätte er nicht tun können, was er alles getan hat, erzählte er. Eltern zweier Töchter wurden sie und Groß- und Urgroßeltern auch.
2024, 96 Jahre alt, kandidierte er noch einmal für den Stadtrat, auf der Liste der Linkspartei. Ein Jahr später starb Elfriede. Försch lebte fortan allein, fast bis zuletzt.
Er wird vielen fehlen.