Wolfgang Schulz, Theatermacher

Nachruf auf einen leidenschaftlichen Revolutionär und zärtlichen Wüterich

Wolfgang Schulz. (Foto: Thomas Obermeier/Main-Post)

Er hat gesoffen wie ein Loch und geraucht wie ein Schlot. Er war schwierig wie kaum einer sonst. Er hat Menschen an sich gebunden, sie fertig gemacht und sie ausgespuckt. Ich habe ihn gehasst.

Ich habe ihn geliebt. Wolfgang Schulz, der Theatermacher von der Werkstattbühne, der am Dienstag 72-jährig in seiner Wohnung in Chania, Kreta, gestorben ist, ist bis zuletzt, über 30 Jahre lang mein Freund und mein Feind gewesen. Er hat mir mit seiner überbordenden Kreativität und der Wucht seines Denkens den Horizont geweitet. Ich habe ihm Einsichten zu verdanken, auf die ich lieber verzichtet hätte.

Er war ein Linksradikaler, ein Prophet der Revolution

Alles, was er dachte und war, hat er auf die Bühne gebracht. Er war so vielfältig, dass ich nicht weiß, was sein Hauptantrieb war. Die Solidarität mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten vielleicht, oder seine Wut und sein Hass auf Unterdrücker (obwohl auch er selbst oft genug einer war), gegen das kapitalistische System.

Gewiss hat ihn ausgemacht und angetrieben, dass er als Kind beim Spielen mit einer Granate den rechten Unterarm und Teile seiner linken Hand verlor. Darauf kam ich allerdings erst nach seinem Tod. Trotz des großen Handicaps hatte ich ihn nie als Menschen mit einer Behinderung wahrgenommen.

Der Schulz – Leute wie ich sprachen von ihm nur als „der Schulz“ – war ein Linksradikaler, ein Aufrührer, ein Prophet der Revolution. Er wurde nicht müde, uns vom Ende des Kapitalismus zu künden. In den 70er Jahren schon, noch mit der studentischen Studiobühne, hat er sich am Kapital abgearbeitet.

Der große, blutige Aufstand der Unterdrückten

Als sein „Geist von Oberzell“, eine Auseinandersetzung mit dem Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer, verboten wurde, ging er bis vor den Bundesgerichtshof – und unterlag. „Ein Jahr noch“, orakelte er wenige Monate vor seinem Tod, „ein Jahr noch, du wirst sehen, glaub mir“, dann würden die Leute das System stürzen, „die sind nämlich gar nicht so blöd.“

Seine letzten Arbeiten widmete er, bevor er sich dem Kampf gegen das Universelle Leben zuwendete, Revolutionären wie der Rote Armee Fraktion (RAF) oder Che Guevara. In der „Revolutionsorgel“ beschwor er wort- und bildgewaltig den großen Aufstand der Unterdrückten herauf; er ließ sie aus ihren Gräbern auferstehen und ein Blutbad unter den Unterdrückern anrichten. So war der Schulz.

Immer einen Schlag zorniger, lustvoller, boshafter

Wer meinte, seiner Meinung zu sein, der erfuhr schnell, dass er irrte. Der Schulz, hoch gebildet, mit einem scharfen Verstand, war immer einen Schlag radikaler, zorniger, unversöhnlicher, unnachgiebiger, lustvoller, wissender, bedenkenloser, boshafter. Und komplexer.

Typisch Schulz, dass sein engster Freund einer war, mit dem er kaum mehr als zwei, drei wesentliche Überzeugungen teilte: Rainer Binz, der Macher der Boulevard-Bühne Chambinzky. Die beiden einte nur, dass sie Querköpfe sind.

Schulz war unbestechlich; die Bestechlichen schätzte er nicht. Mit Schmeichlern machte er kurzen Prozess.

Großes, sinnliches Theater

Er war schmerzhaft konsequent. In „Niagara oder der Triumph des Todes im Kopfe des Indianers“ ließ er den Herrn Kaputal und einen Knecht gegeneinander antreten. Nach einer irrwitzigen Folge von Bilder und Szenen beendete er den Kampf der beiden, indem er sie kopfüber von der Decke hängte, mit aufgeschlitzten Leibern. Herren gibt es, weil es Knechte gibt, also brachte er auf der Bühne alle um.

Der Schulz hat in der winzigen Werkstattbühne großes, sinnliches Theater gemacht. Wenn ich mich an „Krakatau. Krakatoa.“ erinnere, ein Stück, in dem der indonesische Vulkan Krakatau explodiert, dann entsinne ich mich an gewaltige Landschaften, an ein riesiges Vulkan-Inneres. Unmöglich, dass das das Bühnenbild war.

Die Lehre von der zweiten Bühne

Was er nicht zeigen konnte, hat er in den Zuschauern entfesselt. Der Schulz hat mich gelehrt, dass es im Theater immer zwei Bühnen gibt, und die zweite Bühne bist du selbst. Wenn du zulässt, dass einer wie er nicht nur seine Bühne, sondern auch dich bespielt, deinen Verstand, deine Erfahrungen und Schmerzen, deine Lust, deine Träume und deine Angst, dann erfährst du Theater als etwas Großartiges.

Er hat junge Menschen, auch mich, zum Theaterspielen gebracht. Und viele hat er mit seinem Zorn, seiner Unbeherrschtheit, seiner Unbarmherzigkeit wieder vergrault. Seine Werkstattbühne im Keller der Rüdigerstraße 2 war nie nur ein Theaterlaboratorium. Sie war immer auch das Menschenlaboratorium des Dr. Wolfgang Schulz.

Wie er gelitten hat, wenn er Stücke ins Programm nehmen musste, damit sie der Bühne Geld bringen! Die Kompromisse, die er mit Loriot, Karl Valentin oder den schulklassentauglichen Klassikern machen musste, schlugen ihm mächtig aufs Gemüt. Nie mehr wieder, versicherte er noch vor kurzer Zeit, nie mehr wieder wolle er so etwas noch mal machen.

Ein Liebesgedicht vom Wüterich

Es gab Jahre, in denen wir nichts voneinander wissen wollten. Womöglich hätte ich ihm, wie viele andere, den Rücken für immer gekehrt, hätte er 1992 nicht „Phalásarna/D. Micro-Macro. Loci. Foci. Torsi. Der IC fährt jetzt 260 KaEmHa. Archaelogica. Metaphora. Quodlibets & Divertissements“ geschrieben und aufgeführt. Das Stück war unmäßig, zu groß für die Werkstattbühne, technisch nicht in den Griff zu kriegen. Schulz verschliss sein Ensemble und beinah auch das Theater am Neunerplatz, wo er proben durfte.

Er führte „Phalásarna“ dann in Fragmenten auf – was für ein unglaubliches, Sinn und Sinnen verwirrendes Durcheinander. Während er daran geschrieben hat, plagte ihn die Angst vor dem Tod. Er hatte seine erste Herzoperation vor sich. Und er fand zu Tönen, die nicht einmal wir, seine Freundfeinde, von ihm nicht kannten, innige und zarte. Der Schulz konnte auch zu Tränen rühren. Dieser Wüterich hat in „Phalásarna“ eines meiner liebsten Lieblingsgedichte hinein geschrieben: „

Auf der Höhe des Hügels stehen wir,
aneinandergeschmiegt,
der Geliebte neben der Geliebten,
und schauen ins Gefunkel der Sterne.

Unten in der Ebene der Bucht
bellen die Hunde.
Wir sorgen uns nicht.
Unsere Schatten gehören der Nacht.

Sanft wiegen sich die Zweige
des Olivenbaums im Meereswind.

Wir sind einer des anderen Ziel.
Wir konnten uns nicht verfehlen.
Wir haben füreinander keine Beweise.

Dieses Monstrum, als das ich und andere ihn kannten, offenbarte Poesie und Zartheit, eine ungeahnte Menschenzugewandtheit. Ich erkannte in ihm, nach zehn Jahren Streit, den großen, ungehaltenen Menschenfreund erlebt.

Der Schulz war müde geworden

Als seine gesundheitlichen Probleme zunahmen, hörte er erst mit dem Rauchen und dann, unterbrochen von einzelnen, gewaltigen Räuschen, auch mit dem Trinken auf. Er übte jeden Morgen die „Fünf Tibeter“ und ging regelmäßig schwimmen. Er war überzeugt, dass nach dem Tod nichts kommt und wollte sein Leben nicht leichtfertig preisgeben.

Zwei Tage vor seinem Tod hat er uns aus Chania, wo er seinen zweiten Wohnsitz hatte, eine E-Mail geschickt: ein Hinweis auf einen neuen Blogeintrag zum Universellen Leben und zur Religion allgemein auf seiner Seite http://demaskierungen.wordpress.com.

Er war, mitgenommen von seinen körperlichen Nöten, müde geworden, er hat mit einigen von uns über sein Sterben gesprochen. Gestorben ist er dann während eines Telefongesprächs mit seinem Stellvertreter Stephan Ladnar. Sie hatten sich wegen einer der kommenden Produktionen gestritten. Der Schulz hat gekämpft bis zum Schluss.  


schreibdasauf.info

1984 berichtete Wolfgang Schulz, 44 Jahre alt, der Berufsberaterin Helga Berbig aus seinem Leben. Berbig nahm Schulz‘ Bericht mit einem Tonbandgerät auf; das Transkript veröffentlichte sie drei Jahre später in ihrem Buch „Unterwegs. Wege und Umwege zum Berufswunsch“.

Sie gestattet mir, das Transkript zu veröffentlichen. Vielen Dank dafür!